Die neuen Kriege im Irak, in Afghanistan oder anderswo sind vom Aufstieg und den furchtbaren Chancen der Naturwissenschaften nicht zu trennen, wie beispiesweise der Missbrauch von Kernenergie,
desen Theorie zur Realisierung Albert Einstein initierte.
Durch die naturwissenschaftlich-technische Revolution hat sich der Mensch gewaltige Machtmittel angeeignet. Aber ist dabei seine Menschlichkeit mitgewachsen oder eher beschädigt worden?
Man denke an Hitlers Vernichtungskrieg und der Holocaust. Dabei zeigt sich, dass der Mensch inzwischen Massentötungen so perfekt organisieren kann, dass sie vom bürgerlichen Auge nahzu perfekt
versteckt werden kann. Die Flächenbombardements von Städten im II. Weltkrieg, Hiroshima und Nagasaki sowie das atomare Weiterrüsten demonstrieren eine beunruhigende Abstumpfung gegenüber der
Wirkung neuer Vernichtungwaffen.
Die Kette neuer Kriege, die Vielfalt terroristischer Akte und militärischer Gegengewalt in Israel und das Desaster im Irak sind Belege, dass der steigende Intellekt der Menschheit mit der
Verwerfung ethischer Prinzipien einhergeht. Müssen Emotionen, die Basis von Humanität und Moral also dem kaltblütigen Wissen unserer Tage weichen?
O-Ton Richard Rorty: "Der moralische Fortschritt ist davon abhängig, dass die Reichweite des Mitgefühls immer umfassender wird. Er ist nicht davon abhängig, dass man sich über die Empfindsamkeit
erhebt und zur Vernunft vordringt."
Der Ehrgeiz der Oppenheimers & co hat nicht zufällig zum Bau der Atombombe und deren steter Modernisierung geführt. In der Naturwissenschaft liegt der Schüssel zur Selbstvergötlichung.
Hitlers Selbstverherrlichung resultierte zum großen Teil in der Mächtigkeit der Wehrmacht. In puncto Allmacht hat dieser Fortschritt dem Menschen die furchtbare Chance vermittelt, seine
Herrschaft als grenzenlose atomare Zerstörung der Natur und des eigenen Geschlechtes auszuüben, man denke an den kalten Krieg.
Die Menschheit hat sich dem Machtwillen der Naturwissenschaft wie einer neuen Religion unterworfen.
Dazu O-Ton Joseph Weizenbaum, einer der großen Kritiker neuer Technologien unserer Zeit: "Ich meine wirklich, dass die Naturwissenschaft, in den westlichen Ländern jedenfalls, heute alle Merkmale
einer organisierten Religion hat. Da gibt es Novizen, das sind die Studenten an den Universitäten. Da gibt es Priester, das sind die jungen Professoren. Dann gibt es Monsignores, das sind die
älteren. Es gibt Bischöfe und Kardinäle, und es gibt Kathedralen. Meine eigene Universität, das Massachusetts Institute of Technology (MIT), ist eine Kathedrale in der Naturwissenschaft. Es gibt
sogar Päpste, und auch - das ist sehr wichtig - Häretiker. Die Häretiker werden bestraft, genau so wie die Häretiker einer alten Religion. Sie werden ausgestoßen. Und wenn man schließlich als
Häretiker anerkannt ist, dann wird auch behauptet: Der war doch nie ein richtiger Wissenschaftler! Das alles gibt es. Und dann gibt es die große Masse der Gläubigen. In diesem Sinn besteht
überhaupt kein Unterschied zwischen Naturwissenschaftsglauben und dem Glauben an die Lehre des katholischen Kirche im Mittelalter."
In Bezug auf Ethik vs. Wissenschaft: O-Ton Max Born, ein Nobelpreisträger: "Die politischen und militärischen Schrecken sowie der vollständige Zusammenbruch der Ethik, deren Zeuge ich während
meines Lebens geworden bin, sind kein Symptom einer vorübergehenden sozialen Schwäche, sondern notwendige Folge des naturwissenschaftlichen Aufstiegs - der an sich eine der größten
intellektuellen Leistungen der Menschheit ist."
Die Naturwissenschaftler sind pragmatisch; sie forschen und entwickeln mit naivee Verunft, denn sie missachten leider allzu oft die Konsequenzen für Natur und Umwelt.
Das Debakel im Irak und die zunehmende Verkettung terroristischer Gewalt nach dem 11. September haben die Missstimmung noch verstärkt. Die Folterungen inhaftierter Iraker, die Exekution von
unschuldigen Zivilisten aufgrund vermuteter, imaginärer Waffen und der ungerechtfertigte Kriegsanlass sind reelle Beweise für einen menschenrechtsverachtenden und verlogenen Krieg. Der Krieg, die
primitivste Weise einer Lösung, haben letztlich Höhere zu verantworten, die aber für diese Verantwortung nicht einstehen und anscheinen über dem Recht stehen.
Die Missbräuche sind bekannt: US-Soldaten, die auf nackt am Boden kriechenden Gefangenen reiten, die mit einem Halsband angeleint sind und wie Hunde bellen müssen. Andere müssen ihr Essen aus der
Toilette schöpfen oder stundenlang, die Köpfe in Säcke gehüllt, in schmerzhaften Stellungen verharren, elektrisch verkabelte Gefangene, aus denen offenbar mit Stromschlägen Geständnisse
herausgepresst werden sollen, erzwungene pornographische Handlungen sollen ihnen den letzten Rest von Würde nehmen. Der Wille der Menschen soll gebrochen werden.
Während der Inquisition war davon die Rede, das Unkraut aus dem Garten des Herrn auszureißen. Diesmal ist die Ausmerzung des Terrorismus das Ziel. Aber so, wie einst viele Unschuldige auf der
Folterbank gequält wurden, sind auch viele Iraker unschuldig.
Wie lange die neue Jagd auf das terroristische Böse anhalten wird, kann heute noch niemand sagen. O-Ton Bush: "Unser Krieg gegen den Terror beginnt mit al-Qaida, aber er hört nicht auf, ehe nicht
jede weltweit operierende Terrorgruppe entdeckt, ausgeschaltet und besiegt ist."
Bisher hat der Krieg nach dem 11. September den Terrorismus nicht geschwächt, er hat provokativ das Gegenteilige bewirkt! Dieser Krieg hat uns, die Weltgemeinschaft erneut auseinandergebracht, er
hat Hass geschürt und die Grenzen der Unmenschlichtkeit erneut erreicht, aber das ist ist in jedem Krieg der Fall.
Die Amerikaner huldigen ihrer Atommacht wie einem Gott. Ein Klima von Angst, Hass, Rachewünschen, heimlichem Wettrüsten und vervielfältigtem Terrorismus beherrscht das neue Weltbild, oder wie
George Bush es nennt: "The New World Order". Ethisch gesehen ein Rückfall ins Mittelalter, wobei der Teufel das materialgewordene Element der Atomkraft wurde.
Aber es könnte vielleicht doch noch die vorerst unterdrückte Empfindsamkeit wach werden und die Hoffnung Einsteins in Erfüllung gehen, dass den Menschen die Wahrheit offenbar würde, im Schatten
der Atombombe allesamt Geschwister zu sein. Wer weiß, ob nicht Israelis und Palästinenser am Ende doch begreifen, dass sie aufeinander angewiesen sind, um das furchtbare, gegenseitig erzeugte
Leiden zu beenden. Und wer weiß, ob nicht irgendwann dort, wo der islamistische Terror herkommt, und dort, wo der kriegerische Gegenterror angeheizt wird, Kräfte die Oberhand gewinnen, die auf
Annäherung, auf Zuhören und Sprechen bauen anstatt auf steinzeitliche sprachlose Gewalt.
Wann übernehmen Wissenschaft, allen voran die Waffenforschung und die Politik, die wahre Politik endlich Verantwortung für unser aller Wohl, wann wird die Menschheit frei von primitiven Trieben
sein, von Profitgier, von Machthunger? Konkreter: Wann werden Palästinenser und Israelis merken, dass sie beiderseiteg voneinander profitieren können und den Teufelskreis bannen? Wann geschieht
es, dass wir vom kriegstreibenden Öl absehen und mit Energien des Friedens wirtschaften? Fragen, auf die ich keine Antwort geben möchte, weil sie utopisch sind.
Geschafft =)